Nur sicher gebundene Kinder werden emotional stabile Erwachsene. Der Psychiater Karl Heinz Brisch will Eltern entsprechend sensibilisieren – und warnt vor Stress, schlechten Krippen und Handy-Fixierung.

Karl Heinz Brisch hat schon viele Kinder in Not gesehen. Aber das, was er vergangenes Jahr am Höhepunkt der Flüchtlingsbewegungen in München miterleben musste, hatte sogar für ihn eine neue Dimension. Da war etwa ein zehn Monate altes Mädchen aus Afrika: Reglos lag es in seinem Bett und starrte an die Decke. Daneben saß seine Mutter, die auf der Flucht ihre beiden älteren Kinder verloren hatte, und starrte an die Wand. Nur nachts nahm sie ihr Kind, kauerte sich mit ihm auf den Fußboden und begann leise zu singen.

Es sind erschütternde Geschichten, mit denen Brisch als Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Haunerschen Kinderspital in München konfrontiert ist. Und sie betreffen keineswegs nur traumatisierte Flüchtlingsfamilien. „Das Ausmaß an emotionalen Störungen ist erschreckend“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Als Ursache sieht er oft gestörte Eltern-Kind-Bindungen, ausgelöst durch lange Leidensgeschichten voll traumatischer Erfahrungen.

Es war in den 1940er-Jahren, als der englische Kinderpsychiater John Bowlby die Bindungstheorie zu entwickeln begann. Eine sichere emotionale Bindung würde demnach dann entstehen, wenn eine Bezugsperson feinfühlig, prompt und angemessen auf die Signale des Babys reagiere. Entscheidend dafür sei vor allem das erste Lebensjahr: Gelänge hier eine sichere Bindung, würde das Kind später eher emotional stabil, selbstsicher und empathiefähig. Erlebe ein Kind hingegen Zurückweisungen von seinen Eltern, wenn es in Not wäre, entwickle es eher eine unsicher-vermeidende Bindung – und hätte später selbst Probleme, eine sichere Bindung zum eigenen Kind aufzubauen. Ein transgenerationaler Teufelskreis.

Die Erkenntnis, dass Eltern während der Schwangerschaft und rund um die Geburt eines Kindes Unterstützung brauchen, hat in den letzten Jahren verstärkt zum Ausbau „Früher Hilfen“ geführt. In Österreich wurden etwa seit Anfang 2015 durch das „Netzwerk Frühe Hilfen“ rund 2000 Eltern aus belasteten Situationen betreut (vgl. www.fruehehilfen.at). „Der Übergang zur Elternschaft bedeutet für alle Paare eine normative Krise. Sie fallen im Grunde in die Steinzeit zurück“, erklärte die Freiburger Kinderärztin und Psychotherapeutin Barbara von Kalckreuth vergangene Woche im Rahmen der 22. Jahrestagung der GAIMH (German speaking Association for Infant Mental Health) in Wien. Während sicher gebundene Eltern mit diesem Zustand existenzieller Verunsicherung – meist gepaart mit Schlafmangel – aber umgehen lernten und sich notfalls Hilfe holten, bestehe bei unsicher gebundenen oder sogar traumatisierten Eltern durch die geringere Selbstregulationsfähigkeit die Gefahr eines „Übergriffs“ auf das eigene Kind.
(Quelle: Die Furche, 22.02.17, von Doris Helmberger)
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