ADHS/ 1. ZEIT Online: „Wir zwingen Kinder dazu, still zu sitzen“

Immer häufiger wird bei Heranwachsenden das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom diagnostiziert. Das Problem liegt in der Gesellschaft, sagt der Erziehungsexperte Remo Largo.

Largo, R. (2013). Wir zwingen Kinder dazu, still zu sitzen. Interview in Zeit online vom 07.02.2013.

Der Schweizer Kinderarzt und Entwicklungsforscher Remo Largo schätzt in einem Interview mit der Onlineausgabe der Zeit den wirksamen Effekt von Ritalin bei Kindern und jungen Erwachsenen auf weniger als ein Prozent. Meist werde Ritalin ohne Notwendigkeit und oft ohne begleitende Therapie an Kinder abgegeben, kritisiert Largo.

Ein weiteres Problem bestehe in der standardisierten und wenig an den individuellen Gegebenheiten des Kindes angepassten Diagnosesetzung. Um wirklich herauszufinden, weshalb ein Kind verhaltensauffällig ist, bedürfe es einer mindestens vierstündigen Abklärung unterschiedlicher Entwicklungsbereiche (Motorik, Sprache, Sozialverhalten und Kognition). Ein Zeitaufwand, der nur selten betrieben und lediglich mit einem Fragebogen abgedeckt würde.

Auch hinsichtlich der ADHS-leitenden Kriterien einer Hyperaktivität und eines Aufmerksamkeitsmangels regen sich bei Largo erhebliche Zweifel. Was fälschlicherweise als Hyperaktivität angesehen werde, entspreche  dem natürlichen Bewegungsdrang von Kindern zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr. „Wir zwingen die Kinder, die sich aus verhaltensbiologischen Gründen bewegen müssen, dazu, 45 Minuten am Stück still zu sitzen“, so Largo. Ebenso könne man in den seltensten Fällen von einem echten Aufmerksamkeitsdefizit sprechen. Vielmehr sieht er den Grund in den nicht dem individuellen kindlichen Entwicklungsstand angepassten Anforderungen an junge Schüler.

Vorschläge für die Praxis betonen nach Largo die Möglichkeit, dem notwendigem Bewegungsdrang in Schule und Freizeit nachzukommen sowie die „Aufmerksamkeitsschwierigkeiten“ weder durch Über- oder Unterforderung zu verstärken. Bestes Lösungsrezept biete die Überprüfung unserer gesellschaftlichen und häufig allzu hohen Erwartungen an Kinder. Auf die Frage, wie wir mit Kindern umgehen wollen, kann die Antwort – so Largo – nur lauten: kindgerecht!

Das gesamte Interview lesen Sie: hier