Badische Zeitung: Der Bindungsforscher Karl Heinz Brisch sieht auch Kinderkrippen kritisch

In seiner Ausbildung zum Psychiater fing es an: Da stieß Karl Heinz Brisch auf den britischen Kinderpsychiater John Bowlby. Dessen in den 1960ern entwickelte Bindungstheorie ließ Brisch nie mehr los.

Längst ist er selbst ein bekannter Bindungsforscher, der an der Uni-Kinderklinik in München arbeitet und erfolgreiche Bücher schreibt. Am Samstag kam er zum Symposium „ADHS und Autismus“ des „Vereins zur Förderung der analytischen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Freiburg“ ins Historische Kaufhaus.

Im Zug zurück nach Ulm, wo er wohnt, arbeitete Karl Heinz Brisch gleich wieder an seinem neuen Buch: Der dritte von zehn Bänden zur Bindungspsychotherapie, von der Geburt bis zum Tod. Im dritten Band geht’s ums Kindergartenalter. Karl Heinz Brisch kämpft dafür, Kindern so früh wie möglich gute Bindungserfahrungen zu ermöglichen. Frühe Verluste und Instabilität, aber auch emotional nicht ausreichend zugängliche Bezugspersonen können zu großem Stress und Traumatisierungen führen, ist die Hauptthese der Bindungsforschung. Das wirke sich dauerhaft aus und werde unbewusst von einer Generation an die nächste weitergegeben.

Das hat Karl Heinz Brisch selbst erlebt: Da war zwar einerseits die Geborgenheit bei Eltern und Großeltern in einem kleinen Dorf in der Nähe von Trier, wo er 1955 geboren wurde. Andererseits aber waren seine Großeltern und seine Mutter vom Verlust der Geschwister der Mutter im Zweiten Weltkrieg traumatisiert. Das vermittelte sich weiter an ihn, das Kind. Durch viel Reflexion und Aufarbeitung sei es ihm gelungen, die Muster zu erkennen: „Sonst wäre ich ein ängstlicher Mensch geworden. So aber wurde ich nur vorsichtig.“ Karl Heinz Brisch hat drei inzwischen erwachsene Kinder, seine Frau ist ebenfalls Psychotherapeutin. Nachdem er John Bowlbys Bindungstheorie als junger Psychiater kennengelernt hatte, wandte er sie gleich bei seinen Patienten auf einer Depressionsstation an: „Fast alle hatten Trennungs- und Verlusterfahrungen.“ Doch während seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker bis Anfang der 1990er Jahre spielten Bindung und Trauma noch kaum eine Rolle. Er war einer der Pioniere, sein erstes Buch „Bindungsstörungen, von der Bindungstheorie zur Therapie“ von 1999 erscheint nun bald in der 13. Auflage. Karl Heinz Brisch hat unter anderem das Elternprogramm „Safe“ zur Förderung einer sicheren Eltern-Kind-Bindung entwickelt, er mischt sich ein, bezieht Stellung, beobachtet aktuelle Trends: Ergebnis seiner Forschungen ist, dass es Zusammenhänge gibt zwischen dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS und Erlebnissen von Bindungsunsicherheit. Danach wirken genetische Faktoren und Traumatisierungen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Deshalb beobachtet er mit Skepsis, wenn dauerhaft nur Symptome mit Medikamenten bekämpft werden, statt nach dem Warum zu fragen. Für die mittlerweile verbreiteten Diagnosen ADHS und Autismus und den seiner Einschätzung nach nächsten „drohenden Trend“, die bipolaren Störungen, gelte gleichermaßen: „Die Pharmaindustrie will ihre Produkte auf den Markt drücken …“

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