Diverse/ 62. Psychologie: Frühe Bindung, spätes Leid

Warum kommt der eine zurecht im Leben und der andere nicht? Liegen die Ursachen dafür schon in der frühesten Kindheit? Und wenn ja: Was folgt daraus? (U.a. im Interview mit Karl Heinz Brisch)

Nennen wir ihn Anton Reiser. Von Geburt an ein Verlierer. Die ersten Töne, die an sein Ohr dringen, sind Verwünschungen. Nie spürt er die Liebe seiner Eltern; wenn ihn ausnahmsweise doch ein freundlicher Blick erreicht, dann ist das für ihn „etwas ganz Sonderbares“.

Man könnte sagen: Anton Reiser, das andere Ich des Schriftstellers Karl Philipp Moritz, war der erste Mensch der Neuzeit, dem man eine Bindungsstörung attestieren würde. Einen „psychologischen Roman“ hat Moritz sein autobiographisches Werk genannt. Anton Reiser kennt als Kind nichts Schöneres, als Blumen den Kopf abzuschlagen. Ihm glückt so gut wie nichts im späteren Leben – eine Folge seines angeknacks- ten Selbstwertgefühls. Wenn er nicht auf der Couch des Psychiaters gelandet ist, lag das nur daran, dass Karl Philipp Moritz hundert Jahre vor Sigmund Freud gelebt hat.

 

Auseinandersetzung um den frühen Krippengang

Heute ist angewandte Kinderpsychologie praktisch Allgemeingut. Jeder hat schon mal vom „Urvertrauen“ gehört, das der Säugling mit der Muttermilch aufnimmt. Im jüngsten Grabenkrieg um die Kinderkrippe beispielsweise musste sich Familienministerin Ursula von der Leyen vorhalten lassen, sie könne gar nicht „diese tiefe Mutterbeziehung“ zu ihren sieben Kindern entwickelt haben, weil sie von Ammen erzogen worden seien. Oskar Lafontaines Ehefrau Christa Müller setzte noch eins drauf: Der allzu frühe Krippengang könne zu seelischen Verletzungen führen, die schlimmer seien als bei einer Genitalverstümmelung.

Lässt sich das beweisen?

Experimentell gehen solche Glaubenssätze auf die Arbeit des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück. Mitte des vorigen Jahrhunderts studierte er Intelligenz und Sozialverhalten von Rhesusaffen. An der University of Wisconsin in Madison baute er eines der ersten Primatenlabors auf. Man ging nicht gerade zimperlich ans Werk: Den Versuchstieren wurden Teile der Hirnrinde entfernt oder starke Strahlendosen verpasst, um zu sehen, wie sich das auf ihr Lernvermögen auswirkt.

Die „fremde Situation” dient Psychologen zur Beurteilung von Beziehungsmustern. Das Kind erkundet zusammen mit der Mutter ein Zimmer mit Spielecke. Kurz darauf verlässt sie den Raum und wird durch eine fremde Person ersetzt. Wie reagiert das Kind?

 

Experimente mit Rhesusaffen

Harlow und seine Helfer entwickelten Routine im Umgang mit neugeborenen Rhesusaffen. Trennte man sie unmittelbar nach der Niederkunft von ihren Müttern, zeigten sie extreme Anhänglichkeit zu Frotteehandtüchern, die auf dem Boden ihrer Käfige herumlagen. Nahm man sie ihnen fort, schrien sie zum Gotterbarmen.

Fehlte den Kleinen die Mutterbrust? Oder der Kuschelkontakt? Aus Stacheldraht, einer wärmenden Glühbirne und einem Saugnippel konstruierte Harlow eine Surrogatmutter, die bei Bedarf rund um die Uhr Milch spendete. Ein zweites Gestell war bloß mit einem Frotteefell überzogen. Doch darauf stürzten sich die verwaisten Rhesusäffchen, als sei es die leibliche Mutter. Die Milchpuppe ließ sie, abgesehen von kurzen Besuchen zur Nahrungsaufnahme, vollkommen kalt. An dieser Präferenz änderte sich auch dann nichts, wenn die künstlichen Mütter mit allerlei Attributen versehen wurden; selbst wenn sie eiskalte Luft verströmten oder auf ihr Baby einstachen, wurden sie verzweifelt akzeptiert. Gestattete man nicht einmal diesen Kontakt, verfielen die kleinen Affen in tiefste Apathie.

Familienbande

Harry Harlow war überzeugt, die messbare Komponente der Mutter-Kind-Liebe gefunden zu haben: den Grad an körperlicher Berührung, der einem Primatenkind zugestanden wurde. Über die „Natur der Liebe“ dozierte er 1958 bei seiner Antrittsrede als Präsident der American Psychological Association. Und zog dabei eine Schlussfolgerung, die weit über seine experimentellen Befunde hinausreichte: Auch der Mann sei von Natur aus mit allen körperlichen Attributen ausgestattet, ein Kind aufzuziehen. Stillende Mütter würden zu Hause nicht mehr gebraucht, sie könnten stattdessen getrost zur Arbeit gehen. Allenfalls die Oberschicht werde sich diesen Luxus vielleicht noch gönnen.

Im Nachhinein betrachtet, waren Harry Harlows Affenexperimente von unnötiger Grausamkeit; in den sechziger Jahren trugen sie in der Tat dazu bei, dass sich eine Front von Tierversuchsgegnern zu formieren begann. Sein kaltherziges Plädoyer für die Abschaffung der Frau bei der Säuglingsbetreuung fand auch nicht gerade Beifall. Denn es stellte sich bald heraus, dass der auf Frotteehandtücher fixierte Nachwuchs schwere Verhaltensstörungen entwickelte. Harry Harlows Deprivationsexperimente werden unter Psychologen mittlerweile als peinliche historische Fußnote geführt.

 

Die Bindungstheorie

Doch sie wirken fort, bis hinein in den Alltag. Neugeborene werden ihren Müttern heute auf den Bauch gelegt, statt sie gleich ins Zimmer nebenan abzuschieben. Generationen von Säuglingen verbringen ihr Dasein bis zum Krabbelalter in Tragetüchern. Niemals dürfe man ein Kleinkind längere Zeit allein lassen, schreiben die Erziehungsratgeber; vor Harlow, zu Zeiten des strikten Behaviorismus, hätte ihr Tipp eher darin bestanden, dem protestierenden Sprössling höflich zuzunicken und das Licht auszumachen.

Allgemeine Reputation verschaffte sich erst der britische Kinderpsychiater John Bowlby, ein erklärter Bewunderer von Harlows Affenversuchen. Aufgewachsen in der Tradition Freuds, arbeitete er nach dem Zweiten Weltkrieg in einem Heim für schwer Erziehbare, die ihre Eltern in den Kriegswirren verloren hatten. Es lag auf der Hand, dass ein Ödipuskomplex kaum als Erklärung herhalten konnte. Bowlby unterstellte ähnlich wie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz stattdessen ein biologisches Programm. Menschenkinder, darin Graugansküken ähnlich, würden unmittelbar nach der Geburt geprägt durch die Bindung zu einer Bezugsperson. Bowlby setzte „Attachment“ an die Stelle von „Liebe“, und die Bindungstheorie war geboren.

Vier Bindungstypen

Deren empirische Basis haben Bowlbys Anhänger durch standardisierte Beobachtungen gelegt. In der sogenannten „fremden Situation“ entdecken sie typische Verhaltensmuster. Ein unbekannter Raum mit einer Spielecke, den das Kind in Anwesenheit der Mutter erkundet: Vorübergehend wird sie von einer fremden Person ersetzt, bis es zur Wiedervereinigung kommt. Wie viele Tränen dabei fließen, wie viel Freude oder Gleichgültigkeit das Kind zeigt – das alles lässt auf den jeweiligen „Bindungstyp“ schließen.

Da ist zunächst das „sicher gebundene“ Kind, das mutig die neue Umgebung erobert, solange die Mutter im Raum ist. Die Trennung betrübt es, umso freudiger wird die Rückkehr begrüßt. Im späteren Leben vertraut dieser in sich gefestigte Typ seinen eigenen Stärken – aus psychoanalytischer Sicht der Idealfall.

Von den übrigen drei Bindungstypen lässt sich das weniger behaupten. Der „unsicher-vermeidende“ Typ bleibt distanziert, wenn die Mutter anwesend ist, lässt sich bereitwillig von Fremden trösten und zeigt der Rückkehrerin die kalte Schulter; der „unsicher-ambivalente“ Typ schwankt zwischen Trennungsangst und Wut, welche sich gleichermaßen gegen die eigene wie die Bezugsperson richten. Beide Bindungstypen sind als Erwachsene nicht in der Lage, echte Gefühle zu zeigen, weil sie hin- und hergerissen sind zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der Furcht, dass dieses Verlangen nicht erwidert wird.

Generationen übergreifende Wirkungen

Besonders desolate Verhältnisse in der Kindheit, beispielsweise Missbrauch, führen schließlich zum vierten, „desorganisierten“ Bindungstyp, der sich im späteren Leben mit psychischen Auffälligkeiten aller Art herumschlägt.

Frühkindlichen Erfahrungen entkommt niemand, sagt die Bindungstheorie, sie pflanzen sich fort wie biblische Prophezeiungen. In siebzig bis achtzig Prozent aller Fälle übertrage sich der einmal erworbene Bindungstyp auf den eigenen Nachwuchs, haben generationsübergreifende Studien zutage gefördert. Nur ein sicherer Hafen in frühester Jugend garantiert demnach, dass sich ein Mensch zu einer stabilen, den Schwierigkeiten des Lebens gewachsenen Persönlichkeit entwickelt.

Dieser Hafen kann die Mutter sein, aber auch der Vater oder eine andere vertraute Person, räumen Bindungsforscher wie die Regensburger Psychologen Karin und Klaus Grossmann ein. Wichtig sei nur der Grad der „Feinfühligkeit“, der darüber entscheidet, ob sich ein Kind in all seinen Befindlichkeiten, Bedürfnissen und Eigenarten angenommen und gefördert fühlt.

 

Hirnforscher auch hier

Das ist offenbar selten genug der Fall. Der Münchener Pädiater Karl Heinz Brisch schätzt, dass nur etwas mehr als die Hälfte aller Kinder in Deutschland eine sichere Bindung mit auf den Weg bekommen. Dreißig Prozent müssen sich mit einer unsicheren und knapp zehn Prozent mit einer desorganisierten abfinden – Letzteres bereits „der Beginn von Psychopathologie“. Flankierend zu solchen Zahlen werden Hirnforscher zitiert: Bestimmte Verschaltungen im kindlichen Gehirn könnten zu lebenslangen „biologischen Narben“ führen.

Was bedeutet das für die Familienpolitik? Bisher ist die Bindungstheorie immer dann ins Feld geführt worden, wenn es darum ging, die Wichtigkeit eines engen Kontakts zwischen Eltern und Kind herauszustellen. Doch man kann dieses Argument mühelos umdrehen, wie es zum Beispiel Martin Narey, der Geschäftsführer einer britischen Stiftung für vernachlässigte Kinder, kürzlich getan hat. Im Guardian schlug er vor, sich künftig weniger um Familien zu kümmern, die man „nicht mehr retten kann“, sondern endlich die Risikokinder rechzeitig von ihren Eltern zu trennen und zur überfälligen Adoption freizugeben. (Quelle: FAZ.Net, vom 19.11.2009, von Jörg Albrecht, F.A.S.)

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Literatur: Karin und Klaus Grossmann: „Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit“, Klett-Cotta, Stuttgart 2004.