Gestillte Aufsteiger

Stillen hat viele positive Wirkungen auf das Kind – offenbar auch auf seine spätere Karriere. Säuglinge, die gestillt werden, haben später bessere Chancen zum sozialen Aufstieg und sind weniger vom Abstieg bedroht.

Wird ein Säugling gestillt, hat dies viele Vorteile für ihn: Er erhält wertvolle Nährstoffe, sein Immunsystem wird gestärkt und seine Hirnentwicklung gefördert. Jetzt zeigt sich: Stillkinder haben auch als Erwachsene handfeste Vorteile. Sie schaffen es häufiger, Karriere zu machen und sozial aufzusteigen. Stammen sie bereits aus guten Verhältnissen, dann sind sie weniger vom sozialen Abstieg bedroht als ehemalige Flaschenkinder. Das haben britische Forscher in der bisher größten Studie zu diesem Thema herausgefunden. Eine Hypothese dazu, warum das Stillen Aufsteiger fördert, haben sie auch: Die Muttermilch fördert vermutlich die Gehirnentwicklung und damit auch die Intelligenz. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass gestillte Kinder auch als Erwachsene weniger stressanfällig sind. Ob das an der Muttermilch per se liegt, am engen Kontakt zwischen Mutter und Kind beim Stillen oder an beidem, sei aber unklar.

„Viele Studien haben schon einen positiven Zusammenhang zwischen dem Stillen und den geistigen Leistungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter festgestellt“, erklären Amanda Sacker vom University College London und ihre Kollegen. Zudem gebe es Indizien dafür, dass die Form der Ernährung im Säuglingsalter auch die Persönlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle und das Immunsystem beeinflusst. Auch die Stressanfälligkeit soll einigen Daten nach bei gestillten Kindern langfristig verringert sein. Welche konkreten Vorteile beispielsweise im Beruf oder Alltag dies aber im späteren Leben bringt, dazu gebe es bisher nur wenige Erkenntnisse. „Wir haben uns gefragt, ob das Stillen sich auf die soziale Mobilität auswirkt“, sagen die Forscher. Denn wenn Intelligenz und Verhalten dadurch beeinflusst werden, liege es nahe, dass sich dies auch auf den Werdegang und späteren Erfolg auswirke.

Daten von knapp 35.000 Menschen als Basis

Um das zu überprüfen, werteten die Forscher die Daten von zwei Jahrgängen einer großen britischen Kohortenstudie aus. Sie umfassten 17.419 Kinder, die im Jahr 1958 geboren worden waren und 16.771 Kinder, die im Jahr 1970 auf die Welt kamen. Bei allen Kindern war bekannt, ob sie Stillkinder gewesen waren oder die Flasche erhalten hatten. Sie wurden zudem regelmäßig vom Schulalter an alle paar Jahre auf ihre Intelligenz, Gesundheit und psychische Verfassung hin untersucht. Auch welche Berufe die Teilnehmer ergriffen, welcher sozialen Schicht ihre Eltern und später sie selbst angehörten, wurde im Rahmen der bis heute laufenden Erhebung erfasst.

Für ihre Studie verglichen Sacker und ihre Kollegen nun die soziale Stellung der Eltern mit der ihrer erwachsenen Kinder im Alter von 33 Jahren. Sie ermittelten so, wer sozial aufgestiegen, gleichgeblieben oder abgestiegen war. Dann prüften sie, ob es in Bezug auf diese soziale Mobilität Unterschiede zwischen ehemaligen Still- und Flaschenkindern gab – und welche anderen Faktoren noch eine Rolle gespielt haben könnten.

Ein Viertel mehr Aufsteiger

„Die Ergebnisse zeigen, dass Stillen durchgehend mit einer erhöhten Chance auf einen sozialen Aufstieg verbunden war“, berichten die Forscher. Die Stillkinder schafften es 24 Prozent häufiger, ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Position gegenüber der ihrer Eltern zu verbessern. Umgekehrt war ihr Risiko, sozial abzusteigen, um 20 Prozent geringer als bei ehemaligen Flaschenkindern. Dieser Zusammenhang sei umso auffallender, weil er in beiden Jahrgängen nahezu gleich stark ausgeprägt war – und das, obwohl sich diese deutlich unterschieden, betonen die Wissenschaftler. So wurden 1958 noch zwei Drittel der Kinder von ihren Müttern gestillt, 1970 war es nur noch gut ein Drittel.

„Unsere Studie belegt damit, dass das Stillen nicht nur gesundheitliche Vorteile für die Kinder bringt, sondern ihnen auch lebenslange soziale Vorteile verschaffen kann“, konstatieren Sacker und ihre Kollegen. Ein ursächlicher Zusammenhang liege dabei nahe. Denn immerhin bei gut einem Drittel der gestillten Aufsteiger stellten die Forscher auch eine erhöhte Intelligenz und Stressresistenz fest. Da bekannt ist, dass das Stillen die Hirnentwicklung und Intelligenz fördert, könnte die Ernährung an der Mutterbrust auf diesem Wege zum sozialen Aufstieg beitragen. „Vielleicht ist es auch die Kombination aus engem körperlichen Kontakt und den speziellen Nährstoffen, die den gestillten Kindern ihre Vorteile auch im späteren Leben verschafft“, mutmaßen die Forscher.

Amanda Sacker (University College London) et al., Archives of Disease in Childhood, doi: 10.1136/archdischild-2012-303199
Psychologie, Gesundheit
© wissenschaft.de – Nadja Podbregar