ZDF, 37 Grad/ Mediathek „Das Zimmer meines Bruders“ Wenn Geschwister trauern.

Die Beziehung von Geschwistern ist meist innig und vertraut und bleibt ein ganzes Leben bestehen. Umso schlimmer, wenn der Bruder oder die Schwester stirbt. Wie lässt sich das verkraften? Wenn ein Kind stirbt, gelten Aufmerksamkeit und Anteilnahme der anderen meist nur den Eltern.

So groß ist ihr Verlust, so unermesslich ihr Schmerz, dass die große Trauer und Verzweiflung der Geschwister oft übersehen wird.

Der 16-jährige Tom musste nach dem Tod seiner Schwester allein mit dem Verlust fertig werden. Er hat sich um seine Eltern gekümmert, sie waren zu sehr in ihre Trauer verstrickt, als dass sie an ihren Sohn hätten denken können. „Alle haben mich immer gefragt, wie geht es deiner Mutter, aber niemand hat gefragt, was mit mir ist“, erinnert sich die 18-jährige Nadine an die Zeit, als ihr Bruder Lars gestorben war. Für Nadine hat sich nach dem Tod des Bruders alles verändert. Am schlimmsten war es, an seinem Zimmer vorbeizugehen und zu wissen, dass er nicht mehr da ist. Das Zimmer war „sein“ Ort, betreten konnte Nadine es nun nicht mehr. Zu groß waren Trauer und Schmerz.

Als Nadines Mutter Katja nach einigen Wochen merkte, wie schlecht es Nadine geht, und nach Hilfsangeboten suchte, war sie entsetzt. Selbst in einem so akuten Fall wie Nadines betrug die Wartezeit für einen Termin bei einer Psychologin mindestens ein halbes Jahr. Für Eltern gibt es so viele Hilfsangebote, aber für Nadine gab es nichts. Auch in der Schule hat sich niemand gekümmert, sie musste funktionieren.

Allein mit dem Verlust fertig werden
Nadine und Tom wünschen sich, dass Kinder, die eine Schwester, einen Bruder verlieren, schneller Hilfe bekommen, dass ihre Trauer von Bekannten, Verwandten und Nachbarn gesehen wird. Darum wollen sie jetzt, wo es ihnen besser geht, ihre Geschichte erzählen.

Auch wenn es für Nadine immer noch schwer ist, das Zimmer ihres Bruders zu betreten, kann sie es mittlerweile zulassen, dass ihre Mutter es langsam verändern und den Raum dann anders nutzen will.
Es ist ein Abschluss, aber auch ein Neuanfang.

Gedanken der 37 Grad-Autorin: Caroline Haertel über ihren Film
Wann immer ich in den letzten Jahren davon gehört hatte, dass ein Kind gestorben war, galt mein ganzes Mitgefühl den Eltern. Als Mutter zweier Kinder war und ist es für mich das größtmögliche Unglück, ein Kind zu verlieren, der Schicksalsschlag, vor dem ich mich am meisten fürchte. An die Geschwister der Kinder habe ich, ehrlich gesagt, nicht gedacht. Der Schmerz der Eltern war so groß, so präsent, dass er allen Raum einnahm.

Bis mich eines Tages bei den Dreharbeiten zu einem anderen Film ein Sozialpädagoge ansprach, der eine Gruppe für trauernde Geschwister ins Leben gerufen hatte. Er bat mich, doch unbedingt einen Film darüber zu machen, wie sehr die Geschwister trauern, wie wenig Hilfe sie bekommen und wie oft sie einfach vergessen werden. Je mehr ich mit dem Thema beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, welch immensen Verlust ein Kind, ein Jugendlicher erfährt, der die Schwester, den Bruder verliert.

Zusätzlich zu der eigenen Trauer müssen sie auch noch erleben, dass die Eltern sich verändern, voller Kummer sind und manchmal sogar den Lebensmut verlieren. Hinzu kommt, dass sich das ganze Mitgefühl der Umgebung auf die verzweifelten Eltern konzentriert und das in einer Situation, in der die Geschwister einen Schmerz fühlen, der kaum auszuhalten ist.

Trauerbegleiter beschreiben den immensen Verlust der Geschwister so: „Wenn Eltern sterben, stirbt die Vergangenheit. Wenn der Partner stirbt, stirbt die Gegenwart. Wenn Kinder sterben, stirbt die Zukunft. Für Geschwister stirbt beim Tod einer Schwester, eines Bruders alles drei: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
(Quelle: ZDF, 37 Grad, Sendung vom 07.06.2016)

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Film in der Mediathek anschauen (28:30 Min.): Hier