Es soll Familien geben, in denen die Kindererziehung noch immer hauptsächlich von der Mutter übernommen wird. Ärzte betonen nun, wie wichtig die Liebe des Vaters in der Kindheit ist.

Männer gelten in der Familie schnell als überflüssig. Ihre traditionelle Rolle als Versorger und Ernährer wird zwar geschätzt, sonst haben sie in der Kindererziehung aber meist nicht viel zu melden. Auch wenn Wissenschaftler die Bedeutung der frühkindlichen Bindung erforschen, geht es oft nur um die Beziehung zwischen Mutter und Säugling. Der Mann ist zwar als Erzeuger beteiligt, aber zumindest in den ersten Lebenswochen kann er dem Neugeborenen nie so nahe sein, wie es eine Frau gleichsam von Natur aus erlebt, wenn sie gebärt, stillt und dabei immer wieder mit dem Baby kuschelt und es bei sich trägt.

Britische Kinderärzte warnen im Fachblatt BMJ Open nun allerdings davor, die Bedeutung des Vaters zu unterschätzen. „Ob und wie sehr sich der Vater in den ersten Jahren des Kindes emotional einbringt, beeinflusst das Verhalten von Kindern und Jugendlichen ganz ungemein“, sagt Charles Opondo von der Universität Oxford. Er hat an mehr als 6000 Kindern untersucht, wie sich die Rolle des Vaters auf ihre spätere Entwicklung auswirkt.

Dabei zeigte sich, dass Kinder im Alter von neun und von elf Jahren seelisch stabiler waren und sich seltener verhaltensauffällig zeigten, wenn ihre Väter sich in ihrer Rolle wohlfühlten, dem Kind zugewandt waren und Verantwortung in der Betreuung übernahmen. Psychische Probleme und soziale Schwierigkeiten traten um immerhin 14 Prozent seltener auf als bei Kindern, deren Väter sich wenig einbrachten und ihrer Rolle unsicher waren.

„Ein Königreich für einen Vater, der für sein Kind da ist, in emotionalem Kontakt mit ihm steht und sich engagiert“, sagt Karl Heinz Brisch, Psychiater und Experte für Bindungsstörungen am Haunerschen Kinderspital der Universität München. „Väter haben eine andere Art, mit Kindern umzugehen, sie spielen anders als Mütter, sie füttern und pflegen anders und sind anders sensibel. Das ist genauso wichtig für Jungen wie Mädchen.“

Dass Väter anders wickeln und sie anders anfassen als Mütter, bemerken Babys schon im Alter von zwei Monaten. Sie bewegen sich anders auf dem Wickeltisch, weil sie wissen, dass Papa jetzt Turnübungen mit ihnen macht. Das Verhalten von Männern kann körperbetonter sein, aber auch feinfühliger, als es Kinder von der Mutter gewohnt sind. „Für Jungs wie Mädchen ist es leichter, gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, wenn sie mit beiden Elternteilen Gefühle und Erfahrungen teilen“, sagt Brisch. „Jungen erleben mit Vätern Wettkampf und Dynamik und dass sich Konflikte auch bei Spiel und Sport lösen lassen. Sitzen und reden ist manchmal schwierig für Jungs.“ Aber auch Mädchen freuen sich, wenn der Vater mit ihnen rauft oder ihnen auf den Baum hilft. „Und woher sollen sie sonst wissen, wie Männer sind“, sagt Brisch.

Zunehmend erkennen auch Forscher, wie wichtig männlicher Umgang und väterliche Wertschätzung für Kinder sind. In einer von Frauen dominierten Kindheit mit Erzieherinnen, Lehrerinnen und Müttern können Männer zeigen, was sie können. Umso unverständlicher, wenn viele Richter in Umgangsverfahren noch nach dem Rollenklischee verfahren, wonach Väter nicht so wichtig sind und dem Kind am meisten gedient ist, wenn es nur bei der Mutter lebt.
(Quelle: SZ Online vom 23. November 2016, Gesellschaft/Erziehung, Autor: Werner Bartens)

Zum Online-Beitrag auf der SZ: Hier