Bei Cybergrooming bieten die digitalen Medien, Messenger Dienste und sozialen Netzwerke Tätern und Täterinnen einen entscheidenden Vorteil: den direkten und absolut ungestörten Kontakt zum Kind. Rechnet man die Daten der MiKADO Studie hoch, haben 728.000 Erwachsene in Deutschland sexuelle Onlinekontakte zu ihnen unbekannten Kindern.

Kam es zu physischen Verabredungen mit diesen Onlinekontakten, führten die Treffen in 100 Prozent der Fälle zum Kindesmissbrauch. So wie im Fall des 12jährigen Paul, den der Täter online über das Spiel „Minecraft“ manipulierte, zu sich lockte und dann missbrauchte.

Video: Vorschau: Themenabend im Ersten – „Das weiße Kaninchen“
28.09.16 | 00:35 Min.
Die schüchterne Sara sucht im Netz ersten Kontakt zu Jungs. Zu spät erkennt sie, dass ihr Chatfreund Kevin nicht an ihren Gefühlen interessiert ist. Er droht damit, die offenherzigen Fotos ins Netz zu stellen. Wem kann sie sich anvertrauen? Im Anschluss: Der Talk zum Thema bei „Maischberger“.

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Das weiße Kaninchen

Fernsehfilm Deutschland 2016

Sara ist 13, schüchtern und unsicher, wenn es um Jungs geht. Ein bisschen neidisch beobachtet sie, mit welcher Selbstsicherheit ihre frühreife Freundin Leonie sich dem Thema nähert. Umso befreiender ist es für Sara, als sie entdeckt, wie einfach man im Netz Kontakt knüpfen kann. Zu Benny z. B., der gerne online spielt und Tiere liebt.

Mit ihm zu chatten, fällt Sara ganz leicht, obwohl er schon 17 ist, wie er ihr schreibt. Oder mit Kevin, der richtig gut aussieht, wenn man seinem Foto glauben darf. Im Chat fühlt Sara sich sicher und wertgeschätzt. Und sie freut sich, als Kevin sie auch in der realen Welt treffen will.

Virtuos spielt der Ältere mit den Träumen und Erwartungen des jungen Mädchens. Sara wird umgarnt, dann wieder zurückgestoßen. Um seine Zuneigung zu halten, schickt das verliebte Mädchen ihm die gewünschten offenherzigen Fotos. Zu spät erkennt sie, dass Kevins Interesse nicht ihren Gefühlen gilt. Indem er droht, die Fotos ins Netz zu stellen, will er erotische Videos von ihr erpressen.

Verzweifelt vertraut sich Sara ihrem Chat-Freund Benny an. Der weiß tatsächlich einen Rat: Sein Vertrauenslehrer Keller hat Erfahrung darin, Schülern aus solchen Fallen herauszuhelfen. Sara kann nicht wissen, dass Benny von sich selbst redet, denn hinter der erfundenen Figur Benny verbirgt sich der Familienvater Simon Keller, ein Lehrer Mitte 40.

Mit Einfühlungsvermögen und seiner beträchtlichen medienpädagogischen Kompetenz geht Keller daran, Sara aus ihrer Notlage herauszuhelfen. Verwunderlich dabei ist, dass er auch dann nicht die Polizei oder Saras Eltern einschaltet, als Kevin weiterhin Sara unter Druck setzt. Stattdessen bietet er ihr an, den Jungen auf frischer Tat zu ertappen und dann zu melden.

Dabei würde Keller bei der Polizei auf offene Ohren stoßen. Eine Einheit, zu der u.a. der Beamte Miki Witt gehört, arbeitet gerade mit besonderem Einsatz daran, Täter aufzuspüren, die unter falscher Identität den Kontakt zu Kindern suchen. Auch Kevin, der nicht nur Sara in seinem Fokus hat, erregt bereits deren Aufmerksamkeit.

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Es geht um Träume und Versuchungen in „Das weiße Kaninchen“, um das Spiel mit falschen Identitäten und dem Missbrauch von Vertrauen. Regisseur Florian Schwarz lässt die Wirklichkeit der Chats plastisch und erfahrbar werden, den Reiz der anonymen Kommunikation wie die latente Gefahr, die darin enthalten ist. Das vielschichtige Drehbuch der Autoren Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt entfaltet das Thema Cybergrooming, also die onlinebasierte Anbahnung des sexuellen Missbrauchs eines Kindes, auf mehreren Ebenen. Während die junge Lena Urzendowsky in ihrer ersten Hauptrolle zum Spielball verschiedener Einflüsse wird, verkörpert Devid Striesow eine Figur, die von auseinanderdriftenden Gefühlen und Motivationen getrieben wird, von der nie klar wird, wie sehr sie die Außenwelt belügt und wie weit sich selbst, und die entsprechend ambivalente Gefühle auch im Zuschauer auslöst. Alles scheint möglich und diese Möglichkeiten befördern die Spannung des Thrillers. Michael Proehl und Holger-Karsten Schmidt wurden beim Filmfest Emden-Norderney für ihren vielschichtigen Film mit dem Creative-Energy-Award ausgezeichnet. SWR-Redakteurin Claudia Gerlach-Benz erhielt den Medienkulturpreis des Festivals des deutschen Films in Ludwigshafen.
(ARD: Kamera:Philipp Sichler, Buch:     Michael Proehl und Holger Karsten Schmidt, Regie: Florian Schwarz)

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